Dienstag, 7.1.2003



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Krieg ist nur ein Wort

Was ist eigentlich aus den amerikanischen Liberalen geworden?


Vielleicht stimmt es ja, dass der Mensch mit zunehmendem Alter immer konservativer denkt. Allerdings wäre das eine etwas simple Erklärung dafür, dass die Vordenker der amerikanischen Liberalen derzeit in Scharen ins Lager der Kriegstreiber desertieren. Zwar sind die prominentesten Überläufer – etwa der mögliche Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Richard Gephardt, der Schriftsteller Salman Rushdie oder der Starkolumnist Christopher Hitchens – allesamt in jenem mittleren Alter, in dem die jugendliche Leidenschaft angeblich der erfahrenen Logik weicht. Aber warum sind die Vordenker der amerikanischen Friedensbewegung dann wortgewandte Senioren wie der 73-jährige Harvardrebell Noam Chomsky, der 77-jährige Literat Gore Vidal und der 80-jährige Historiker Howard Zinn?

Es ist aber auch möglich, dass sich die amerikanische Linke unabhängig vom Lebensalter in einer Identitätskrise befindet. Symptomatisch dafür ist der Skandal um Christopher Hitchens. Der war zwar nicht der erste Liberale, der sich auf die Seite der Kriegstreiber schlug – aber keiner inszenierte seinen Frontwechsel so lautstark wie er. Erst wollte man ihn gar nicht ernst nehmen, schließlich gilt der ehemalige Sozialist, der sich im amerikanischen Fernsehen mit Whiskyglas und Zigarette gern als enfant terrible der Geisteswelt gibt, als notorischer Provokateur, der üblicherweise Ikonen wie Mutter Teresa, Henry Kissinger oder den Dalai Lama demontiert. Doch dann kündigte er im Herbst unter großem Medienecho seinen Vertrag bei dem ehrenwerten Zentralorgan der linksintellektuellen Publizistik, The Nation, für das er seit 20 Jahren eine Kolumne geschrieben hatte. Er habe, sagte er, die Schnauze voll von einer Linken, die in Amerikas Justizminister Richard Ashcroft eine größere Bedrohung sieht als in Terroristen wie Osama bin Laden. Seither propagiert er den Einmarsch in den Irak.

Nützliche Idioten

Hitchens gab mit seinem Zorn den Ton für eine Stimmung vor, für die der Kolumnist Richard Goldstein in der Village Voice nur noch hämische Worte fand. „Es ist schon sehr verlockend, die chronische Depression und den weitreichenden Masochismus der Linken hinter sich zu lassen“, schreibt er. Der Krieg gegen den Terror sei für viele die willkommene Gelegenheit, die eigene progressive Haltung auf den Boden einer neuen Realität zu stellen. So kann es dazu kommen, dass die liberalen Falken geradezu mit einem Seufzer der Erleichterung aufgenommen werden. So wie bei einem Symposium zur Irakkrise, das die New York University kürzlich veranstaltete.

Höflich interessiert lauschten die 200 Zuhörer den Argumenten gegen den Krieg. Dann war der irakische Exilautor Kanan Makiya an der Reihe, der seinen Vortrag mit der Warnung begann, dass er definitiv nicht im Einklang mit den übrigen Rednern sei, um dann ausführlich zu erläutern, warum jeder, der Demokratie und Gerechtigkeit als allgemeingültige Grundwerte akzeptiere, moralisch dazu verpflichtet sei, den Einmarsch in den Irak zu unterstützen. Das war im Rahmen dieses Forums eine radikale Aussage, doch zum großen Erstaunen seiner Mitredner, erntete Makiya für sein Kriegstrommeln begeisterten Applaus.

Das grundsätzliche Dilemma in all diesen Debatten ist dabei der Widerspruch zwischen zwei Prinzipien, auf denen sich die liberale Weltanschauung gleichermaßen gründet – humanitäre Gesinnung und Antiimperialismus. Ein Widerspruch, den Leon Wieseltier, Literaturredakteur der Zeitschrift New Republic, in den zwei wichtigen amerikanischen Kriegen des 20.Jahrhunderts begründet sieht: „Die Nachkriegsgeneration berief sich immer auf die zwei primären Szenarien des Zweiten Weltkrieges und des Vietnamkrieges, und bei so ziemlich jeder Debatte um den Einsatz des Militärs kann man die beiden Lager anhand dieser Trennlinie definieren.“

Spätestens seit den Jugoslawienkriegen dominiert auch bei den Liberalen wieder das Ideal des Zweiten Weltkrieges. So beklagt die Autorin Samantha Power in ihrem Buch „A Problem from Hell: America and the Age of Genocide“, dass die USA während der vergangenen hundert Jahre viel Leid verhindert hätten, wenn sie rechtzeitig oder überhaupt gegen die Völkermorde an den Armeniern, Juden, Kambodschanern, Kurden, Tutsis und Bosniern interveniert hätten.

Demnach gibt es derzeit sehr wohl ein triftiges Argument für einen Krieg im Irak: Saddam Hussein. Sein Schreckensregime ist seit seiner Machtergreifung 1979 für mehr als eine Million Tote verantwortlich. Salman Rushdie schrieb in der Washington Post: „Saddam Hussein hat die Iraker ruiniert, ermordet, vergast und gefoltert...Saddam und seine unbarmherzige Bande von Kumpanen sind mörderische Kriminelle und ihr Irak ist die Hölle.“

Die Konsequenz beschrieb die graue Eminenz der Rock’n’Roll-Generation, Greil Marcus, in der Zeitschrift First of the Month: „Es ist die Pflicht der Linken, in diesen Zeiten nicht nur eine, sondern die maximalistische Kriegspartei zu sein. Die Feindseligkeiten dürfen sich nicht nur auf den Irak und den Sudan beschränken, sondern müssen auf einige Lieblinge unserer Rechten ausgedehnt werden: Saudiarabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan.“

Jonathan Chait, leitender Redakteur bei New Republic, erinnerte in seinem Essay „Why Liberals Should Support the War“ daran, dass es keineswegs die Idee der Bush-Regierung gewesen sei, Saddam Husseins Irak zu entwaffnen. Er zitierte aus einer Rede von Bill Clinton: „Wenn wir den Raubmördern des 21. Jahrhunderts erlauben, nukleare, chemische und biologische Waffen zu entwickeln, werden sie noch viel tödlicher sein. Dafür gibt es kein deutlicheres Beispiel als die Bedrohung durch Saddam Husseins Irak.“ Die meisten Liberalen hätten Clinton damals zugestimmt. Der Protest gegen den Krieg nährte sich vor allem aus der Opposition gegen Bush.

Doch gerade der hat das Argument Vietnam zur Antikriegsfloskel reduziert. Hatte die Friedensbewegung nicht vor einem neuen Vietnam in Afghanistan gewarnt? Sicher, die Spitzen von al-Qaida wurden noch nicht gefunden – doch die Bilder der glücklichen Menschen beim Einmarsch in Kabul, die Berichte über die Befreiung eines ganzen Volkes aus den Fängen eines barbarischen Islamismus waren die beste Werbung für Interventionen seit dem Einmarsch in Berlin.

Die Identitätskrise der Liberalen hat der Friedensbewegung inzwischen weitgehend den intellektuellen und akademischen Boden entzogen. Viele liberale Kriegsgegner ziehen sich zurück, weil sie mit den Friedensposern aus Hollywood und den linksradikalen Anachronismen nichts zu tun haben wollen. Wer kann es ihnen verdenken? Sean Penns Kettenraucherauftritte an der Seite irakischer Würdenträger kommentierte selbst die Nachrichtenagentur der Antiglobalisierungsbewegung Indymedia.org mit der Schlagzeile „Nützlicher Idiot“. Die Friedensmärsche von Washington bis San Francisco wurden von radikalen Außenseitern instrumentalisiert. Ramsey Clark, in dessen International Action Center große Friedensdemonstrationen organisiert wurden, neigt dazu, sich mit Unmenschen wie Slobodan Milosevic oder Robert Mugabe zu solidarisieren.

Die Redakteure der Nation haben die Gefahr dieser Spaltung längst erkannt. In der ersten Ausgabe des neuen Jahres ist von einer Serie mit dem Titel „Waging Peace“ zu lesen – als Versuch, die zersplitterten Friedens- Fraktionen zu bündeln. Von traditionellen Friedensbewegungen über Studentenorganisationen, Antirassisten bis hin zu Gewerkschaften, Bürgerrechtlern und Umweltschützern habe ein enormes Spektrum der politischen Bewegungen das organisatorische Geschick von International Answer genutzt, um eine neue Koalition namens United for Peace ins Leben zu rufen.

Am 18. Januar werden die Friedensbewegungen einmal mehr in Washington marschieren. Wieder werden Hunderttausende erwartet. Die Debatte über die Frage, ob es wichtiger ist, einen Krieg zu verhindern oder eine Diktatur zu beenden, wird allerdings weiter gehen. So wie es im Moment aussieht, wird das Thema aber weder von der Basis noch von den Intellektuellen und Akademikern entschieden. In der amerikanischen Politik gibt es längst keinen Zweifel mehr, dass der Krieg gegen den Irak um jeden Preis geführt werden muss.

Dann aber zählen keine Argumente mehr. Dann entscheidet die Realität.

ANDRIAN KREYE


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