Vielleicht stimmt es ja, dass der Mensch mit zunehmendem
Alter immer konservativer denkt. Allerdings wäre das
eine etwas simple Erklärung dafür, dass die
Vordenker der amerikanischen Liberalen derzeit in Scharen
ins Lager der Kriegstreiber desertieren. Zwar sind die
prominentesten Überläufer etwa der
mögliche Präsidentschaftskandidat der Demokraten,
Richard Gephardt, der Schriftsteller Salman Rushdie oder
der Starkolumnist Christopher Hitchens allesamt in
jenem mittleren Alter, in dem die jugendliche Leidenschaft
angeblich der erfahrenen Logik weicht. Aber warum sind die
Vordenker der amerikanischen Friedensbewegung dann
wortgewandte Senioren wie der 73-jährige Harvardrebell
Noam Chomsky, der 77-jährige Literat Gore Vidal und
der 80-jährige Historiker Howard Zinn?
Es ist aber auch möglich, dass sich die amerikanische
Linke unabhängig vom Lebensalter in einer
Identitätskrise befindet. Symptomatisch dafür ist
der Skandal um Christopher Hitchens. Der war zwar nicht der
erste Liberale, der sich auf die Seite der Kriegstreiber
schlug aber keiner inszenierte seinen Frontwechsel
so lautstark wie er. Erst wollte man ihn gar nicht ernst
nehmen, schließlich gilt der ehemalige Sozialist, der
sich im amerikanischen Fernsehen mit Whiskyglas und
Zigarette gern als enfant terrible der Geisteswelt gibt,
als notorischer Provokateur, der üblicherweise Ikonen
wie Mutter Teresa, Henry Kissinger oder den Dalai Lama
demontiert. Doch dann kündigte er im Herbst unter
großem Medienecho seinen Vertrag bei dem ehrenwerten
Zentralorgan der linksintellektuellen Publizistik, The
Nation, für das er seit 20 Jahren eine Kolumne
geschrieben hatte. Er habe, sagte er, die Schnauze voll von
einer Linken, die in Amerikas Justizminister Richard
Ashcroft eine größere Bedrohung sieht als in
Terroristen wie Osama bin Laden. Seither propagiert er den
Einmarsch in den Irak.
Nützliche Idioten
Hitchens gab mit seinem Zorn den Ton für eine Stimmung
vor, für die der Kolumnist Richard Goldstein in der
Village Voice nur noch hämische Worte fand. Es
ist schon sehr verlockend, die chronische Depression und
den weitreichenden Masochismus der Linken hinter sich zu
lassen, schreibt er. Der Krieg gegen den Terror sei
für viele die willkommene Gelegenheit, die eigene
progressive Haltung auf den Boden einer neuen Realität
zu stellen. So kann es dazu kommen, dass die liberalen
Falken geradezu mit einem Seufzer der Erleichterung
aufgenommen werden. So wie bei einem Symposium zur
Irakkrise, das die New York University kürzlich
veranstaltete.
Höflich interessiert lauschten die 200 Zuhörer
den Argumenten gegen den Krieg. Dann war der irakische
Exilautor Kanan Makiya an der Reihe, der seinen Vortrag mit
der Warnung begann, dass er definitiv nicht im Einklang mit
den übrigen Rednern sei, um dann ausführlich zu
erläutern, warum jeder, der Demokratie und
Gerechtigkeit als allgemeingültige Grundwerte
akzeptiere, moralisch dazu verpflichtet sei, den Einmarsch
in den Irak zu unterstützen. Das war im Rahmen dieses
Forums eine radikale Aussage, doch zum großen
Erstaunen seiner Mitredner, erntete Makiya für sein
Kriegstrommeln begeisterten Applaus.
Das grundsätzliche Dilemma in all diesen Debatten ist
dabei der Widerspruch zwischen zwei Prinzipien, auf denen
sich die liberale Weltanschauung gleichermaßen
gründet humanitäre Gesinnung und
Antiimperialismus. Ein Widerspruch, den Leon Wieseltier,
Literaturredakteur der Zeitschrift New Republic, in den
zwei wichtigen amerikanischen Kriegen des 20.Jahrhunderts
begründet sieht: Die Nachkriegsgeneration berief
sich immer auf die zwei primären Szenarien des Zweiten
Weltkrieges und des Vietnamkrieges, und bei so ziemlich
jeder Debatte um den Einsatz des Militärs kann man die
beiden Lager anhand dieser Trennlinie definieren.
Spätestens seit den Jugoslawienkriegen dominiert auch
bei den Liberalen wieder das Ideal des Zweiten Weltkrieges.
So beklagt die Autorin Samantha Power in ihrem Buch A
Problem from Hell: America and the Age of Genocide,
dass die USA während der vergangenen hundert Jahre
viel Leid verhindert hätten, wenn sie rechtzeitig oder
überhaupt gegen die Völkermorde an den Armeniern,
Juden, Kambodschanern, Kurden, Tutsis und Bosniern
interveniert hätten.
Demnach gibt es derzeit sehr wohl ein triftiges Argument
für einen Krieg im Irak: Saddam Hussein. Sein
Schreckensregime ist seit seiner Machtergreifung 1979
für mehr als eine Million Tote verantwortlich. Salman
Rushdie schrieb in der Washington Post: Saddam
Hussein hat die Iraker ruiniert, ermordet, vergast und
gefoltert...Saddam und seine unbarmherzige Bande von
Kumpanen sind mörderische Kriminelle und ihr Irak ist
die Hölle.
Die Konsequenz beschrieb die graue Eminenz der
RocknRoll-Generation, Greil Marcus, in der
Zeitschrift First of the Month: Es ist die Pflicht
der Linken, in diesen Zeiten nicht nur eine, sondern die
maximalistische Kriegspartei zu sein. Die Feindseligkeiten
dürfen sich nicht nur auf den Irak und den Sudan
beschränken, sondern müssen auf einige Lieblinge
unserer Rechten ausgedehnt werden: Saudiarabien, die
Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan.
Jonathan Chait, leitender Redakteur bei New Republic,
erinnerte in seinem Essay Why Liberals Should Support
the War daran, dass es keineswegs die Idee der
Bush-Regierung gewesen sei, Saddam Husseins Irak zu
entwaffnen. Er zitierte aus einer Rede von Bill Clinton:
Wenn wir den Raubmördern des 21. Jahrhunderts
erlauben, nukleare, chemische und biologische Waffen zu
entwickeln, werden sie noch viel tödlicher sein.
Dafür gibt es kein deutlicheres Beispiel als die
Bedrohung durch Saddam Husseins Irak. Die meisten
Liberalen hätten Clinton damals zugestimmt. Der
Protest gegen den Krieg nährte sich vor allem aus der
Opposition gegen Bush.
Doch gerade der hat das Argument Vietnam zur
Antikriegsfloskel reduziert. Hatte die Friedensbewegung
nicht vor einem neuen Vietnam in Afghanistan gewarnt?
Sicher, die Spitzen von al-Qaida wurden noch nicht gefunden
doch die Bilder der glücklichen Menschen beim
Einmarsch in Kabul, die Berichte über die Befreiung
eines ganzen Volkes aus den Fängen eines barbarischen
Islamismus waren die beste Werbung für Interventionen
seit dem Einmarsch in Berlin.
Die Identitätskrise der Liberalen hat der
Friedensbewegung inzwischen weitgehend den intellektuellen
und akademischen Boden entzogen. Viele liberale
Kriegsgegner ziehen sich zurück, weil sie mit den
Friedensposern aus Hollywood und den linksradikalen
Anachronismen nichts zu tun haben wollen. Wer kann es ihnen
verdenken? Sean Penns Kettenraucherauftritte an der Seite
irakischer Würdenträger kommentierte selbst die
Nachrichtenagentur der Antiglobalisierungsbewegung
Indymedia.org mit der Schlagzeile Nützlicher
Idiot. Die Friedensmärsche von Washington bis
San Francisco wurden von radikalen Außenseitern
instrumentalisiert. Ramsey Clark, in dessen International
Action Center große Friedensdemonstrationen
organisiert wurden, neigt dazu, sich mit Unmenschen wie
Slobodan Milosevic oder Robert Mugabe zu solidarisieren.
Die Redakteure der Nation haben die Gefahr dieser Spaltung
längst erkannt. In der ersten Ausgabe des neuen Jahres
ist von einer Serie mit dem Titel Waging Peace
zu lesen als Versuch, die zersplitterten Friedens-
Fraktionen zu bündeln. Von traditionellen
Friedensbewegungen über Studentenorganisationen,
Antirassisten bis hin zu Gewerkschaften,
Bürgerrechtlern und Umweltschützern habe ein
enormes Spektrum der politischen Bewegungen das
organisatorische Geschick von International Answer genutzt,
um eine neue Koalition namens United for Peace ins Leben zu
rufen.
Am 18. Januar werden die Friedensbewegungen einmal mehr in
Washington marschieren. Wieder werden Hunderttausende
erwartet. Die Debatte über die Frage, ob es wichtiger
ist, einen Krieg zu verhindern oder eine Diktatur zu
beenden, wird allerdings weiter gehen. So wie es im Moment
aussieht, wird das Thema aber weder von der Basis noch von
den Intellektuellen und Akademikern entschieden. In der
amerikanischen Politik gibt es längst keinen Zweifel
mehr, dass der Krieg gegen den Irak um jeden Preis
geführt werden muss.
Dann aber zählen keine Argumente mehr. Dann
entscheidet die Realität.
ANDRIAN KREYE