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Local.ImcDeInterviewr1.11 - 11 May 2006 - 13:59 - FloHtopic end
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Das folgende Interview wurde im Mai 2005 geführt. Die Fragen stellte Thomas Martiens für eine wissenschaftliche Arbeit. Geantwortet hat Floh.

Warum braucht es (gerade auch in Deutschland) eurer Meinung nach unabhängige Medien? Gibt es ein ungefähres Ziel (oder erstmal eine Zwischenetappe), das ihr erreichen wollt?

Erstmal muss klargeste*_llt werden, dass es Indymedia als ein abgegrenztes "Wir" nicht gibt bzw. nicht klar abgrenzbar ist. Indymedia ist ein Netzwerk und kann und soll deshalb als handelndes Subjekt nicht auftreten. Der engere Kreis an Leuten, die sich um die strukturelle Arbeit (technische Betreuung, Moderation usw.) kümmern ist nur ein Teil der Struktur "Indymedia". Doch auch dieser ist personell nicht eindeutig definierbar, der Übergang zum "normalen" User ist fließend. Auch wenn es noch Reste an Hierarchien gibt, hauptsächlich durch den passwortbeschränkten Zugang für Moderatoren, so ist der entscheidende Punkt, der Indymedia auch von den "herkömmlichen" Medien unterscheidet, dass es keinen strukturellen Unterschied zwischen Medienkonsument und Medienproduzent gibt. JedeR kann beides sein. Und somit ist JedeR potentiell Indymedia.

Für eine Gesellschaft, die beansprucht frei zu sein und das einzelne Individuum und dessen ungehinderte Entfaltung als ihren höchsten Wert ansieht, sind Institutionen für die freie gesellschaftliche Kommunikation natürlich notwendig. Unter unabhängigen Medien verstehe ich kurz gesagt also solche, die keiner zentralen Kontrolle unterliegen. Kontrolle in diesem Sinne ist nicht nur staatliches Eingreifen, sondern auch (und in Demokratien ist das die häufigste Form von Kontrolle) die Unterwerfung unter marktwirtschaftliche Prinzipien. Außerdem gibt es noch andere Mechanismen wie Patriotismus, durch welche sich Medien in demokratischen Gesellschaften selber regulieren. (siehe die medialen Ereignisse nach dem 11.9.2001) Das wichtigste Ziel auf dem Weg zu freien Medien ist bereits erreicht, nämlich dass es eine Struktur gibt, die direkte Berichterstattung von unten ermöglicht. Natürlich gibt es viele Dinge die verbesserungswürdig sind bzw. wo es noch Entwicklungspotential gibt. Doch die Schwächen liegen nur teilweise in der Struktur, sondern hauptsächlich im fehlenden emanzipatorischen Gebrauch dieses Mediums. Die Entwicklung zu einem Medium was völlig frei ist, d.h. ohne Hierarchie wie Moderation oder Zensur auskommt ist somit auch mit einer entsprechenden gesellschaftlichen Veränderung verknüpft. Das soll nicht heißen, dass eine emanzipatorische Weiterentwicklung erst dann möglich ist, wenn die Gesellschaft "reif" dazu ist, aber es existiert eine Wechselwirkung. Kurz gesagt: Indymedia ist das, was die User draus machen.

Was unterscheidet euch von den "normalen/abhängigen" Mainstream-Medien? Wie definiert ihr diese?

Wird aus den anderen Antworten klar.

Wo seht ihr die Kritikpunkte in den normalen Medien? Gibt es konkrete Beispiele, wo diese eurer Meinung nach, die Realität falsch oder verzerrt wiedergeben / wiedergegeben haben?

Das läuft auf die Frage nach Objektivität hinaus. Für mich gibt es keine Objektivität, in diesem Sinne gibt es auch keine "richtige" Darstellung der Realität. Jeder Mensch ist subjektiv, daran ändert auch keine Sachlichkeit oder journalistischer Berufsethos etwas. Natürlich gibt es bewusste Fälschung und Verzerrung in der medialen Vermittlung. Das Problem an der Falschdarstellung ist aber nicht sie selber, sondern die fehlende oder unterdrückte Gegendarstellung. Genau darauf baut das offene Prinzip von Indymedia auf. Es gibt keinen Anspruch auf Wahrheit sondern den auf den ungehinderten Zugang aller Darstellungen und Perspektiven. Nur durch diesen Pluralismus gibt es eine Annäherung an die Wahrheit. Direkte Falschdarstellungen werden größtenteils durch andere User richtig gestellt. Dazu kommt, dass Indymedia-User meist als Einzelpersonen berichten und nicht im Auftrag einer bestimmten Interessengruppe (z.B. ein Konzern oder eine Partei) oder als Journalist einem bestimmten Leser- oder Zuschauerprofil gerecht werden müssen. (Damit sollen Journalisten nicht pauschal diffamiert werden, nur leider sind auch sie bei ihrer Arbeit sehr oft bestimmten Zwängen unterworfen.) Beispiele der Falschdarstellung oder bewussten Verzerrung gibt es viele. Klassisch schon ist der "Kampf" um die korrekten Teilnehmerzahlen von Demonstrationen, also einer scheinbar recht objektiven Information. Regelmäßig werden die offiziellen Angaben der Polizei von den Medien gutgläubig übernommen. Manchmal stimmen sie, aber wenn sie nicht stimmen sind sie fast immer zu niedrig. Interessant ist auch die Beobachtung, dass Teilnehmerzahlen von linken oder linksradikalen Veranstaltungen besonders häufig "abgerundet" werden, z.T. um über 50%. Dazu kommt, dass die Berichterstattung oft auf das Sensationelle reduziert wird. Interessant ist eine Demo nur, wenn es kracht. Eine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung findet selten statt. Gegen das Prinzip "Blut, Schweiß und Tränen" ist allerdings kein Medium vollständig immun, Indymedia eingeschlossen.

Hat Deutschland nicht einen sehr vielfältigen "Mainstream Medienmarkt", der durchaus die Möglichkeit bietet, sich umfassend und objektiv zu informieren und der viele verschieden Standpunkte aufzeigt (Stichwort: SPIEGEL oder BILD - jeder kann selbst entscheiden was er liest und wie er es liest)?

Es ist richtig, dass Deutschland inhaltlich eine noch relativ vielseitige Medienlandschaft hat. Nach meinem Verständnis soll Indymedia sich aber nicht thematisch von den konventionellen Medien unterscheiden, sondern strukturell. Indymedia bietet die Möglichkeit, dass eine politische Bewegung nicht darauf angewiesen ist, von den konventionellen Medien richtig dargestellt zu werden, sondern ihr eigenes Medium ist. Indymedia gehört niemanden, es spricht für die, die es nutzen und ist somit immer ein Bestandteil der jeweiligen Bewegung. Es ist direkte Berichterstattung von der Straße durch die Akteure der Ereignisse selber. Indymedia ist auch nicht Teil des "Medienmarktes", weil es nicht marktwirtschaftlich funktioniert. Es muss sich nicht an irgendwelchen Erwartungen orientieren um sich zu verkaufen, ist also nicht dem Angebot-Nachfrage-Prinzip unterworfen.

Konventionelle Medien sind meist mit den Verhältnissen, gegen die protestiert wird, eng verknüpft, ob politisch oder wirtschaftlich. Zumindest identifizieren sie sich mit einem bestimmten gesellschaftlichen oder politischen System. Das ist keine Kritik, sondern normal. Wenn dieses System dann Ziel von Protesten wird stehen sie ihnen logischerweise selber meist skeptisch bis offen feindlich gegenüber, was sich in der einseitigen oder diffamierenden Berichterstattung offenbart. Jedes Medium ist in eine bestimmte Perspektive auf die Gesellschaft eingebettet. Und den wenigen Medien, die wirklich versuchen unvoreingenommen zu berichten gelingt dies auch nur sehr selten, weil sie einfach nicht Teil der Bewegung sind. Die Journalisten müssen sich sehr intensiv mit den Hintergründen und den politischen Weltbildern auseinandersetzen um ein halbwegs realistisches Bild zu bekommen. Dann ist es am besten, dass die mediale Öffentlichkeit von den Aktivisten gleich selber hergestellt und betrieben wird.

Thematisch gibt es bei Indymedia keine Vorgaben, etwa dass darüber berichtet werden soll, was in den anderen Medien verschwiegen wird oder zu kurz kommt. Es gibt bereits eine Reihe von Medienprojekten, die sich diesen Anspruch stellen. Was wichtig ist entscheiden diejenigen, die die Berichte schreiben.

(Übrigens: Die Gegenüberstellung von SPIEGEL und BILD als Alternativen finde ich etwas eng gesehen. Sie unterscheiden sich eigentlich nur im intellektuellen Anspruch, gehören aber beide politisch zur bürgerlich-demokratischen Mitte. Besser passt vielleicht TAZ gegen F.A.Z., Junge Freiheit gegen Jungle World oder ARTE gegen Pro7.)

Was halten ihr von Kontrollmedien wie die KEK o.Ä.? Machen die eurer Meinung nach einen guten Job? Reichen deren Maßnahmen aus, um eine pluralistische Medienlandschaft zu fördern?

Deren Arbeit kenne ich nicht. Aber gegen die Tendenz, dass die deutsche Medienlandschaft immer mehr von wenigen großen Medienkonzernen dominiert wird sind sie scheinbar machtlos. (Aber so was nennt sich ja freier Wettbewerb und muss deshalb ok sein. Indymedia kann jedenfalls nicht von Springer übernommen werden. Es sei denn, dessen Journalisten veröffentlichen alle ihre Berichte plötzlich auf Indymedia wink

Finanziert ihr euch wirklich nur aus Spenden? Wann lehnt ihr Spenden ab?

Ja, und aus dem was die einzelnen Aktivisten selber einbringen, aber letztendlich ist das gar nicht so entscheidend viel. Im Vergleich mit einem marktwirtschaftlich organisierten Internetmedium kommt Indymedia nur mit einem winzigen Bruchteil an Geld aus. Über die genauere Spendenpraxis ist mir nichts bekannt.

Wo liegen eure Hauptprobleme? (Habt ihr ausreichend Helfer? Wie funktioniert die Organisation und Kommunikation untereinander? Werdet ihr von staatlichen oder anderen Institutionen behindert/eingeschüchtert?

Das Hauptproblem liegt im fehlenden emanzipatorischen Gebrauch Indymedias. Es wird missbraucht als Plattform für Selbstdarstellung, als Diskussionsforum, für inflationäres Bilderhochladen oder als Arena für Kleinkriege zwischen einzelnen politischen Gruppen. Dazu kommt der immer wieder unfreundliche bis beleidigende Umgangston, der viele abschreckt. Auch gegen Spam-Attacken und Unterwanderungsversuchen durch Nazis muss Indymedia sich immer wieder wehren. Doch die stellen eher ein "technisches" Problem dar und gefährden Indymedia weniger als die erstgenannten Probleme.

"Helfer" gibt keine, nur Aktivisten. Und je mehr es gibt, umso besser. Jeder Mensch, der Lust auf irgendetwas hat ist willkommen, ob Übersetzen, technische Entwicklung oder Betreuung, Moderation (was eigentlich die "Drecksarbeit" ist), Öffentlichkeitsarbeit, Kampagne zu großen Events usw. Und natürlich Berichte schreiben, aber dazu braucht mensch ja nur einen Internetzugang. Kommuniziert wird hauptsächlich übers Internet. (Mailinglisten, Chat, Wiki-Sites)

Wie genau wird man "Moderator" bzw. erhält man das Recht Artikel zu filtern und zu überprüfen? Wer wacht sonst noch über die Einhaltung der Statuten von Indymedia? Ist das immer von Erfolg gekrönt? Gab es schon mal Ärger vom Verfassungsschutz o.Ä.?

Als Moderator hat mensch natürlich Zugang zu sensiblen Bereichen der Seite. Da es keine "Prüfung" oder sonstige Kontrolle gibt, funktioniert es nur über ein Vertrauensverhältnis. Dazu ist der Kontakt zu einer lokalen Indymediagruppe nötig. Über die "Statuten", oder besser Grundsätze wacht niemand. Es gibt einen Konsens, der ständig diskutiert und weiterentwickelt wird, also ein dauernder und offener Prozess ist und an dem sich JedeR? beteiligen kann. Und das funktioniert offensichtlich. Natürlich gibt es Streit und Diskussion, aber das ist ja keine Störung, sondern notwendig für ein gleichberechtigtes Miteinander.

Vom Verfassungsschutz gibt es keinen Ärger, aber der ist ja auch kein exekutives Organ, denn er beobachtet "nur". Probleme von staatlicher Seite gibt es hauptsächlich durch Anwälte, die in einzelnen Artikeln Verstöße gegen das Persönlichkeitsrecht oder Presserecht sehen. Wie damit umgegangen wird ist sehr unterschiedlich. In anderen Ländern gibt allerdings stärkere Repressionen gegen Indymedia. Z.B. wird in Italien zur Zeit wieder mit einen Prozess versucht Indymdia zu bekämpfen. ( siehe http://de.indymedia.org/2005/05/115023.shtml ) Und im Oktober 2004 wurden in England in einer rechtlich sehr fragwürdigen Aktion durch das FBI mehrere Server beschlagnahmt, wodurch auch Indymedia Deutschland teilweise betroffen war. (siehe: http://de.indymedia.org/2004/10/96036.shtml )

Welche Rolle spielt für euch das Internet?

Also für Indymedia selber ist es natürlich die technische Voraussetzung. In seiner gesellschaftlichen Bedeutung würde ich es mit der Erfindung des Buchdruckes gleichsetzen. Das Internet, welches erst seit ca. 15 Jahren der Gesellschaft zur Verfügung steht (was historisch eine sehr kurze Zeit ist) hat eine neue Dynamik in gesellschaftliche Veränderungsprozesse gebracht. Eine genauere Beurteilung ist sehr schwierig, da wir in diesen Veränderungsprozessen noch mitten drinstecken. Auch wenn viele interessante Entwicklungen zu beobachten sind, so glaube ich aber, dass die wirklichen Auswirkungen erst in vielen Jahren erfasst werden können.

Habt ihr irgendwelche Nutzungszahlen, wie viele Menschen erreicht ihr? Wie schätz ihr euren Einfluss in der Bevölkerung ein? Gibt es spektakuläre Reaktionen oder Ergebnisse aufgrund von Artikeln oder Aktionen auf eurer Site?

Die Nutzungszahlen schwanken zwischen 5.000 und 15.000 Besuchern am Tag, bei größeren Ereignissen wie die Sicherheitskonferenz in München können es auch bis zu 40.000 sein.

Den Einfluss auf die Gesellschaft zu beschreiben ist schwierig. Indymedia in Deutschland ist jedenfalls noch ein eher linkes Nischenmedium, was, wie bereits beschrieben daran liegt, dass es immer dessen Medium ist, der es benutzt. Es erreicht somit hauptsächlich politisch interessierte Menschen, den nur an passivem Medienkonsum orientierten "Normalbürger" kaum. Für die anderen Medien ist Indymedia aber inzwischen eine regelmäßig benutzte Informationsquelle gworden, da sie darüber Zugang zu Perspektiven haben, die ihnen aus bereits beschriebenen Gründen sonst verschlossen bleiben.

Wo seht ihr euch gegenüber Mainstream-Medien wie der BILD o.Ä.?

Indymedia ist eben das, was die User draus machen. Zwar gibt es auf Indymedia auch Artikel, die eher BILD-Charakter haben. Doch es geht nicht um die Orientierung an einem bestimmten Niveau irgendwo zwischen BILD und ZEIT. Durch die strukturelle Identität von Konsument und Produzent gibt es darüber auch keine Kontrolle. Indymedia ist vor allem ein neues mediales Prinzip, was einen neuen Nachrichtentyp hervorbringt. Und weil es ein offenes Medium ist hat es eine eigene Dynamik, die Indymedia nicht auf auf eine bestimmte Position festnageln lässt.

Gibt es besondere Pläne für die Zukunft? Habt ihr zum Beispiel schon mal an Kooperationen mit offenen TV-Kanälen gedacht oder andere Medien?

Indymedia ist ein Netzwerk, Kooperationen bzw. personelle Überschneidungen mit anderen Medienprojekten gibt es deshalb einige. Pläne und Ideen für die Zukunft gibt es viele. Was davon verwirklicht wird hängt schlicht und einfach davon ab, dass es jemand macht. (Momentan wird z.B. versucht, lokale Indymedias aufzubauen.)

Glaubt ihr, dass der Einfluss und die Verbreitung der "unabhängigen Medien" in Zukunft wachsen wird? Wenn ja, woran macht sich das bemerkbar?

Ich glaube, dass das Prinzip des offenen Mediums bei künftigen gesellschaftlichen Veränderungen eine Rolle spielen wird. Und zwar nicht nur im Nachrichtenbereich, sondern auch in anderen Anwendungsfeldern. (So funktioniert z.B. die Internet-Enzyklopädie Wikipedia oder die Entwicklung von OpenSource-Software nach einem ähnlichen Muster.)

Anworten von Floh

-- AleX - 25 May 2005 -- AlsteR - 25 May 2005 - Verschönerungsanfall -- BeN - 25 May 2005 - Spendenformulierung

Ein weiteres Interview kann unter http://getajob.ath.cx/pub/Radio-Z_Interview_mit_Indymedia-mensch.mp3 angehört werden.

Das nächste Interview ist im Februar 2006 entstanden, die Fragen stellte Susanne Högemann. Geantwortet hat mal wieder der Profilneurotiker Floh.

*1.Nutzung von indymedia.de: inwieweit habt ihr da Rückmeldungen von Zeitungen, Journalisten...anderen Medien?*

*2. Aus welchem Bereich und welchen Altersgruppen kommen die Moderatoren und Freiwilligen, die Indy.de am Laufen halten? (Studenten? Schüler? Journalisten? Informatiker? usw...)*

*3. Aus welchem Bereich und welchen Altersgruppen kommen die Nutzer von Indy.de - soweit ihr da Einblick habt - wer postet was? schreiben Journalisten anderer Medien auch auf Indy? Anscheinend nutzen viele Kids und Antifas die Seite um "Stimmung zu machen". "Wut rauszulassen"...?*

*4. Habt ihr Rückmeldungen bezüglich der Nutzung von Indy.de durch andere Medien(Tages- und Wochenzeitungen, TV, Radio...)? Was nutzen diese Medien (Video und Tondokumente? Fotos? Hintergrundinformationen?....)?*

Zur ersten und vierten Frage, die ja relativ ähnlich sind kann ich gar nicht so viel sagen. Bis 2002 wurde auf den oben genannten Seiten eine Doku über die Rezension von Indy in anderen Medien erstellt. Des Weiteren taucht, wie du bereits selber geschrieben hast, Indy.de vor allem in linken Medien auf. Doch die spielen im gesamtgesellschaftlichen Medienspektrum eher eine Nebenrolle wie JungleWorld?, Heise-Online usw. Nur TAZ und evtuell ND haben noch etwas Anschluss an die "Mitte". Dort wird manchmal auf Indy verwiesen. Ansonsten hatte mal eine Aktivistin aus Berlin erzählt, dass sie zufällig einen Mitarbeiter der DPA getroffen habe, der ihr sagte, dass dort auch regelmäßig auf Indy geguckt werde. Von Toralf Staud, ehemaliger ZEIT-Redakteur, jetzt freier Journalist und Autor des Buches "Moderne Nazis", weiß ich, dass er auch auf Indy recherchiert hat, es aber nicht so bedeutend für sein Buch war. Vielleicht klingt das in dem Interview, was du zitierst etwas euphorisch, doch die direkte Rezension Indys ist eher gering. Als Grund würde ich den nur bedingten Nachrichtenwert Indymedias sehen. Dieser gilt in Bezug auf Aktivitäten bestimmter Gruppen und Erlebnisberichten von Demos, Kongressen oder anderen Events. Insbesondere bei großen Ereignissen wie G8, Castor oder Großdemos wird auf Indy geschaut, weil das die Menschen über die linken Szenen hinaus interessiert. Eine Minidemo von 30 Antifas oder der Streit um eine Isreal-Fahne, die irgendwo mal gewedelt wurde interessiert aber außer die Szene (und die Nazis) einfach keinen. Es gibt zwar auch ein paar Journalisten, die ab und zu auf Indy posten, Ralf Streck zum Beispiel postet regelmäßig zu Themen aus Spanien. Aber insgesamt ist das eher marginal und durch den Anspruch Indys auf Erstveröffentlichungen ist es für proffesionelle Journalisten auch wenig attraktiv, da sie darauf angewiesen sind, ihre Berichte zu vermarkten und für Indy daher nur aus reinem Idealismus schreiben können (oder Artikel posten, die sie mal nicht losgeworden sind)

Was dazu Indy besonders prägt, insbesondere im deutschsprachigen Raum ist die Funktion der Identitäspflege, weil eben diejenigen, die schreiben, meist auch diejenigen sind, über die geschrieben wird. Die Offenheit, die Indy für sich beansprucht führt also dazu, dass jede x-beliebige Gruppe (die manchmal nur aus einer Person besteht) ihr Weltbild propagieren kann, und dies auf Indy besonders gern tun, weil sie woanders keinen Zugang zu etwas mehr medialer Öffentlichkeit haben. Viele Berichte haben daher einen ausgesprochenen Agitationscharakter oder sind sehr ideologisch gefärbt. Da schlägt die Eigenschaft Indys, dass es immer das Medium derer sei, die es benutzen, in einen Nachteil um, wodurch der schon öfters diagnostizierte Autismus der Linken beobachtbar wird. Ich würde Indy somit vor allem als ein "szene-internes" Medium für linke bis linksradikale Milieus bezeichnen, welches zwar von anderen Medien wahrgenommen, aber nicht aufgenommen wird, einfach weil es miest keine für sie relevanten Infomationen enthält.

Damit komme ich schon ein bisschen zu den anderen Fragen, der Sozialstruktur von Indymedia. Es gibt keine Möglichkeiten empirischer Erfassung der Indynutzer (was auch so sein soll), doch unter Indymediaaktivisten kursiert immer wieder die ironisch-lakonische Selbstbeschreibung, dass der übliche Indymediaaktivist weiß, männlich, zwischen 20 und 30 Jahre alt und technikbegeistert ist. Diese subjektive Wahrnehmung wird zumindest von niemandem bestritten und die Genderstruktur ist auf Aktivistentreffen (ausgehend von der üblichen bipolaren Geschlechtereinteilung) als eindeutig männerdominiert zu bestätigen. Ich vermute, dass dies zumindest tendenziell auf den "einfachen Indymedianutzer" übertrgen werden kann. (Auch wenn die Einteilung in Aktivisten und Nutzer nicht so gern gesehen wird, weil Indymedia diese Einteilung in Medienproduzenten und Medienkonsumenten ja gerade aufheben will, so verhalten sich die Menschen aber trotzdem größtenteils noch so.) Um es konkret zu machen: Ich schätze den Großteil auf 15-30 Jahre, männlich und aus eher bürgerlicheren Schichten.

Sozialpsychologisch würde ich folgende Einschätzung machen: Es sind oft junge Leute, die sich in einer postpupertären Phase der Rebellion und Identitätssuche befinden (bzw. da nicht rausfinden), Anschluss an eine oppositionelle politische Idee oder Gruppe suchen und dafür auch eine mediale Plattform brauchen. Und dafür bietet sich Indymedia an. (Dies gilt übrigens auch für die Naziszene, die für viele Jugendliche genau diese Funktion erfüllt, wobei dort der Bildungsdurchschnitt eindeutig tiefer ist. Das Verhalten in Naziforen oder von Nazis, die versuchen, Indy zu unterwandern ist dem vieler Antifas sehr ähnlich, ohne natürlich die Inhalte gleichsetzen zu wollen.) Unter dem Label von Emanzipation und Linkssein bemühen sie sich, überall ihr Feindbild zu entdecken (was ebenfalls eine idenditätsstiftende Wirkung hat). Berichte sind deshalb oft keine überlegten Aufzeichnungen von bestimmten Erlebnissen oder gar Recherchen, sondern nur ein Vehikel um das eigene Weltbild, oft mit starker Aggression gegen alle möglichen -ismen und Solidaritätsaufrufen für xy rauszuposaunen. Und da Identitätsfindung wie gesagt dabei oft über die Abgrenzung zu einem Feindbild läuft (ich bin dagegen, also bin ich) wird diese um so intensiver betrieben. Abgegrenzt wird sich dabei, neben der kapitalistischen oder faschistischen Gesellschaft, von jenen Linken die zu reformerisch oder zu radikal sind oder es wird gleich auf die Moderation eingedroschen, die einen wirklichen oder vermeindlichen Nazi-Kommentar nach einer halben Minute immer noch nicht versteckt hat und deshalb nicht antifaschistisch genug ist. Und wer versucht, innerlinke Differenzen und Befindlichkeiten zu überwinden, sich auf Inhalte zu konzentrieren und eine gewisse Sachlichkeit an den Tag zu legen wird trotzdem angegriffen oder angepöbelt.

Meine persönliche Einschätzung zu den Inhalten ist: 20 bis 30 % aller Artikel (ca. die Hälfte kommen auf die Startseite) finde ich "lesbar", entsprechen also meinem Anspruch eines Berichtes. 10 % davon interessieren mich persönlich. Den Rest halte ich mehr oder weniger für Blödsinn wie Selbstdarstellung, ideologisches Rumgepose, Sinnlosdebatte, Szenekrieg, haben eine furchtbaren Stil oder sind Pillepalle-Berichte. Folgendes Schema ist prototypisch für solche Sachen:

"Gestern auf S-Bahnhof X habe ich zwei Nazis gesehen und sie fotografiert. So sahen sie von hinten aus, so von der Seite und so als sie mich bemerkt haben. Dann wollten sie mich kriegen, ham'se aber nicht. Fight Fashism!"

Dazu kommen Crosspostings (solche Artikel erkennt man leider meist an dem guten Stil), bloß neu formulierte und kommentierte Wiederholungen von Informationen der konventionellen Medien sowie offene oder versteckte Versuche irgendwelchen Nazischeiß unter die Leute zu bringen. Wobei die Unterscheidung zwischen manchem linken und rechten Text machmal gar nicht so einfach ist.

Die, die sich so verhalten, sind, so vermute ich sehr, nur eine Minderheit aller derer, die Indymedia nutzen, aber sie dominieren Indymedia, weil alle anderen sich nur dann zu Wort melden, wenn sie wirklich was Sinnvolles beitragen. Deshalb fühle ich mich oft wie ein Kindergärtner auf einer Spielwiese, auf der sich ein Haufen verschwörungstheoretisierende Politspinner, sich zankende Möchtegern-Revoluzzer und spät-pupertierende Antifa-Kiddis austoben. Meine positiven Einschätzungen zu Indymedia hast du ja in dem anderen Interview bereits gelesen. Denn wenn du aus diesem Text eine gewisse momentane Frustration raushörst, dann liegst du richtig. Hoffentlich hören die anderen nichts davon, sonst gelte ich als Defätist smile

-- FloH - 11 May 2006
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