Das folgende Interview wurde im Mai 2005 geführt. Die Fragen stellte Thomas Martiens für eine wissenschaftliche Arbeit. Geantwortet hat Floh.
Warum braucht es (gerade auch in Deutschland) eurer Meinung nach unabhängige Medien? Gibt es ein ungefähres Ziel (oder erstmal eine Zwischenetappe), das ihr erreichen wollt?
Erstmal muss klargeste*_llt werden, dass es Indymedia als ein abgegrenztes
"Wir" nicht gibt bzw. nicht klar abgrenzbar ist. Indymedia ist ein Netzwerk
und kann und soll deshalb als handelndes Subjekt nicht auftreten. Der engere
Kreis an Leuten, die sich um die strukturelle Arbeit (technische Betreuung,
Moderation usw.) kümmern ist nur ein Teil der Struktur "Indymedia". Doch
auch dieser ist personell nicht eindeutig definierbar, der Übergang zum
"normalen" User ist fließend. Auch wenn es noch Reste an Hierarchien gibt,
hauptsächlich durch den passwortbeschränkten Zugang für Moderatoren, so ist
der entscheidende Punkt, der Indymedia auch von den "herkömmlichen" Medien
unterscheidet, dass es keinen strukturellen Unterschied zwischen
Medienkonsument und Medienproduzent gibt. JedeR kann beides sein. Und somit
ist JedeR potentiell Indymedia.
Für eine Gesellschaft, die beansprucht frei zu sein und das einzelne
Individuum und dessen ungehinderte Entfaltung als ihren höchsten Wert
ansieht, sind Institutionen für die freie gesellschaftliche Kommunikation
natürlich notwendig. Unter unabhängigen Medien verstehe ich kurz gesagt also
solche, die keiner zentralen Kontrolle unterliegen. Kontrolle in diesem
Sinne ist nicht nur staatliches Eingreifen, sondern auch (und in Demokratien
ist das die häufigste Form von Kontrolle) die Unterwerfung unter
marktwirtschaftliche Prinzipien. Außerdem gibt es noch andere Mechanismen
wie Patriotismus, durch welche sich Medien in demokratischen Gesellschaften
selber regulieren. (siehe die medialen Ereignisse nach dem 11.9.2001) Das
wichtigste Ziel auf dem Weg zu freien Medien ist bereits erreicht, nämlich
dass es eine Struktur gibt, die direkte Berichterstattung von unten
ermöglicht. Natürlich gibt es viele Dinge die verbesserungswürdig sind bzw.
wo es noch Entwicklungspotential gibt. Doch die Schwächen liegen nur
teilweise in der Struktur, sondern hauptsächlich im fehlenden
emanzipatorischen Gebrauch dieses Mediums. Die Entwicklung zu einem Medium
was völlig frei ist, d.h. ohne Hierarchie wie Moderation oder Zensur
auskommt ist somit auch mit einer entsprechenden gesellschaftlichen
Veränderung verknüpft. Das soll nicht heißen, dass eine emanzipatorische
Weiterentwicklung erst dann möglich ist, wenn die Gesellschaft "reif" dazu
ist, aber es existiert eine Wechselwirkung. Kurz gesagt: Indymedia ist das,
was die User draus machen.
Was unterscheidet euch von den "normalen/abhängigen" Mainstream-Medien? Wie definiert ihr diese?
Wird aus den anderen Antworten klar.
Wo seht ihr die Kritikpunkte in den normalen Medien? Gibt es konkrete Beispiele, wo diese eurer Meinung nach, die Realität falsch oder verzerrt wiedergeben / wiedergegeben haben?
Das läuft auf die Frage nach Objektivität hinaus. Für mich gibt es keine
Objektivität, in diesem Sinne gibt es auch keine "richtige" Darstellung der
Realität. Jeder Mensch ist subjektiv, daran ändert auch keine Sachlichkeit
oder journalistischer Berufsethos etwas. Natürlich gibt es bewusste
Fälschung und Verzerrung in der medialen Vermittlung. Das Problem an der
Falschdarstellung ist aber nicht sie selber, sondern die fehlende oder
unterdrückte Gegendarstellung. Genau darauf baut das offene Prinzip von
Indymedia auf. Es gibt keinen Anspruch auf Wahrheit sondern den auf den
ungehinderten Zugang aller Darstellungen und Perspektiven. Nur durch diesen
Pluralismus gibt es eine Annäherung an die Wahrheit. Direkte
Falschdarstellungen werden größtenteils durch andere User richtig gestellt.
Dazu kommt, dass Indymedia-User meist als Einzelpersonen berichten und nicht
im Auftrag einer bestimmten Interessengruppe (z.B. ein Konzern oder eine
Partei) oder als Journalist einem bestimmten Leser- oder Zuschauerprofil
gerecht werden müssen. (Damit sollen Journalisten nicht pauschal diffamiert
werden, nur leider sind auch sie bei ihrer Arbeit sehr oft bestimmten
Zwängen unterworfen.) Beispiele der Falschdarstellung oder bewussten
Verzerrung gibt es viele. Klassisch schon ist der "Kampf" um die korrekten
Teilnehmerzahlen von Demonstrationen, also einer scheinbar recht objektiven
Information. Regelmäßig werden die offiziellen Angaben der Polizei von den
Medien gutgläubig übernommen. Manchmal stimmen sie, aber wenn sie nicht
stimmen sind sie fast immer zu niedrig. Interessant ist auch die
Beobachtung, dass Teilnehmerzahlen von linken oder linksradikalen
Veranstaltungen besonders häufig "abgerundet" werden, z.T. um über 50%. Dazu
kommt, dass die Berichterstattung oft auf das Sensationelle reduziert wird.
Interessant ist eine Demo nur, wenn es kracht. Eine wirkliche inhaltliche
Auseinandersetzung findet selten statt. Gegen das Prinzip "Blut, Schweiß und
Tränen" ist allerdings kein Medium vollständig immun, Indymedia
eingeschlossen.
Hat Deutschland nicht einen sehr vielfältigen "Mainstream Medienmarkt", der durchaus die Möglichkeit bietet, sich umfassend und objektiv zu informieren und der viele verschieden Standpunkte aufzeigt (Stichwort: SPIEGEL oder BILD - jeder kann selbst entscheiden was er liest und wie er es liest)?
Es ist richtig, dass Deutschland inhaltlich eine noch relativ vielseitige
Medienlandschaft hat. Nach meinem Verständnis soll Indymedia sich aber nicht
thematisch von den konventionellen Medien unterscheiden, sondern strukturell. Indymedia bietet die Möglichkeit, dass eine politische Bewegung nicht darauf angewiesen ist, von den konventionellen Medien richtig
dargestellt zu werden, sondern ihr eigenes Medium ist. Indymedia gehört niemanden, es spricht für die, die es nutzen und ist somit immer ein Bestandteil der jeweiligen Bewegung. Es ist direkte Berichterstattung von
der Straße durch die Akteure der Ereignisse selber. Indymedia ist auch nicht Teil des "Medienmarktes", weil es nicht marktwirtschaftlich funktioniert. Es muss sich nicht an irgendwelchen Erwartungen orientieren um sich zu verkaufen, ist also nicht dem Angebot-Nachfrage-Prinzip unterworfen.
Konventionelle Medien sind meist mit den Verhältnissen, gegen die
protestiert wird, eng verknüpft, ob politisch oder wirtschaftlich. Zumindest
identifizieren sie sich mit einem bestimmten gesellschaftlichen oder
politischen System. Das ist keine Kritik, sondern normal. Wenn dieses System
dann Ziel von Protesten wird stehen sie ihnen logischerweise selber meist
skeptisch bis offen feindlich gegenüber, was sich in der einseitigen oder
diffamierenden Berichterstattung offenbart. Jedes Medium ist in eine
bestimmte Perspektive auf die Gesellschaft eingebettet. Und den wenigen
Medien, die wirklich versuchen unvoreingenommen zu berichten gelingt dies
auch nur sehr selten, weil sie einfach nicht Teil der Bewegung sind. Die
Journalisten müssen sich sehr intensiv mit den Hintergründen und den
politischen Weltbildern auseinandersetzen um ein halbwegs realistisches Bild
zu bekommen. Dann ist es am besten, dass die mediale Öffentlichkeit von den
Aktivisten gleich selber hergestellt und betrieben wird.
Thematisch gibt es bei Indymedia keine Vorgaben, etwa dass darüber berichtet
werden soll, was in den anderen Medien verschwiegen wird oder zu kurz kommt.
Es gibt bereits eine Reihe von Medienprojekten, die sich diesen Anspruch
stellen. Was wichtig ist entscheiden diejenigen, die die Berichte schreiben.
(Übrigens: Die Gegenüberstellung von SPIEGEL und BILD als Alternativen finde
ich etwas eng gesehen. Sie unterscheiden sich eigentlich nur im
intellektuellen Anspruch, gehören aber beide politisch zur
bürgerlich-demokratischen Mitte. Besser passt vielleicht TAZ gegen F.A.Z.,
Junge Freiheit gegen Jungle World oder ARTE gegen Pro7.)
Was halten ihr von Kontrollmedien wie die KEK o.Ä.? Machen die eurer Meinung nach einen guten Job? Reichen deren Maßnahmen aus, um eine pluralistische Medienlandschaft zu fördern?
Deren Arbeit kenne ich nicht. Aber gegen die Tendenz, dass die deutsche
Medienlandschaft immer mehr von wenigen großen Medienkonzernen dominiert
wird sind sie scheinbar machtlos. (Aber so was nennt sich ja freier
Wettbewerb und muss deshalb ok sein. Indymedia kann jedenfalls nicht von Springer
übernommen werden. Es sei denn, dessen Journalisten veröffentlichen alle
ihre Berichte plötzlich auf Indymedia
Finanziert ihr euch wirklich nur aus Spenden? Wann lehnt ihr Spenden ab?
Ja, und aus dem was die einzelnen Aktivisten selber einbringen, aber letztendlich ist das gar nicht so entscheidend viel. Im Vergleich mit einem marktwirtschaftlich organisierten Internetmedium kommt Indymedia nur mit einem winzigen Bruchteil an Geld aus. Über die genauere Spendenpraxis ist mir nichts bekannt.
Wo liegen eure Hauptprobleme? (Habt ihr ausreichend Helfer? Wie funktioniert die Organisation und Kommunikation untereinander? Werdet ihr von staatlichen oder anderen Institutionen behindert/eingeschüchtert?
Das Hauptproblem liegt im fehlenden emanzipatorischen Gebrauch Indymedias.
Es wird missbraucht als Plattform für Selbstdarstellung, als
Diskussionsforum, für inflationäres Bilderhochladen oder als Arena für
Kleinkriege zwischen einzelnen politischen Gruppen. Dazu kommt der immer
wieder unfreundliche bis beleidigende Umgangston, der viele abschreckt. Auch
gegen Spam-Attacken und Unterwanderungsversuchen durch Nazis muss Indymedia
sich immer wieder wehren. Doch die stellen eher ein "technisches" Problem
dar und gefährden Indymedia weniger als die erstgenannten Probleme.
"Helfer" gibt keine, nur Aktivisten. Und je mehr es gibt, umso besser. Jeder
Mensch, der Lust auf irgendetwas hat ist willkommen, ob Übersetzen,
technische Entwicklung oder Betreuung, Moderation (was eigentlich die
"Drecksarbeit" ist), Öffentlichkeitsarbeit, Kampagne zu großen Events usw.
Und natürlich Berichte schreiben, aber dazu braucht mensch ja nur einen
Internetzugang. Kommuniziert wird hauptsächlich übers Internet.
(Mailinglisten, Chat, Wiki-Sites)
Wie genau wird man "Moderator" bzw. erhält man das Recht Artikel zu filtern und zu überprüfen? Wer wacht sonst noch über die Einhaltung der Statuten von Indymedia? Ist das immer von Erfolg gekrönt? Gab es schon mal Ärger vom Verfassungsschutz o.Ä.?
Als Moderator hat mensch natürlich Zugang zu sensiblen Bereichen der Seite.
Da es keine "Prüfung" oder sonstige Kontrolle gibt, funktioniert es nur über
ein Vertrauensverhältnis. Dazu ist der Kontakt zu einer lokalen
Indymediagruppe nötig. Über die "Statuten", oder besser Grundsätze wacht
niemand. Es gibt einen Konsens, der ständig diskutiert und weiterentwickelt
wird, also ein dauernder und offener Prozess ist und an dem sich
JedeR?
beteiligen kann. Und das funktioniert offensichtlich. Natürlich gibt es
Streit und Diskussion, aber das ist ja keine Störung, sondern notwendig für
ein gleichberechtigtes Miteinander.
Vom Verfassungsschutz gibt es keinen Ärger, aber der ist ja auch kein
exekutives Organ, denn er beobachtet "nur". Probleme von staatlicher Seite
gibt es hauptsächlich durch Anwälte, die in einzelnen Artikeln Verstöße
gegen das Persönlichkeitsrecht oder Presserecht sehen. Wie damit umgegangen
wird ist sehr unterschiedlich. In anderen Ländern gibt allerdings stärkere
Repressionen gegen Indymedia. Z.B. wird in Italien zur Zeit wieder mit einen
Prozess versucht Indymdia zu bekämpfen. ( siehe
http://de.indymedia.org/2005/05/115023.shtml ) Und im Oktober 2004 wurden in
England in einer rechtlich sehr fragwürdigen Aktion durch das FBI mehrere
Server beschlagnahmt, wodurch auch Indymedia Deutschland teilweise betroffen
war. (siehe:
http://de.indymedia.org/2004/10/96036.shtml )
Welche Rolle spielt für euch das Internet?
Also für Indymedia selber ist es natürlich die technische Voraussetzung. In
seiner gesellschaftlichen Bedeutung würde ich es mit der Erfindung des
Buchdruckes gleichsetzen. Das Internet, welches erst seit ca. 15 Jahren der
Gesellschaft zur Verfügung steht (was historisch eine sehr kurze Zeit ist)
hat eine neue Dynamik in gesellschaftliche Veränderungsprozesse gebracht.
Eine genauere Beurteilung ist sehr schwierig, da wir in diesen
Veränderungsprozessen noch mitten drinstecken. Auch wenn viele interessante
Entwicklungen zu beobachten sind, so glaube ich aber, dass die wirklichen
Auswirkungen erst in vielen Jahren erfasst werden können.
Habt ihr irgendwelche Nutzungszahlen, wie viele Menschen erreicht ihr? Wie schätz ihr euren Einfluss in der Bevölkerung ein? Gibt es spektakuläre Reaktionen oder Ergebnisse aufgrund von Artikeln oder Aktionen auf eurer Site?
Die Nutzungszahlen schwanken zwischen 5.000 und 15.000 Besuchern am Tag, bei
größeren Ereignissen wie die Sicherheitskonferenz in München können es auch
bis zu 40.000 sein.
Den Einfluss auf die Gesellschaft zu beschreiben ist schwierig. Indymedia in
Deutschland ist jedenfalls noch ein eher linkes Nischenmedium, was, wie
bereits beschrieben daran liegt, dass es immer dessen Medium ist, der es
benutzt. Es erreicht somit hauptsächlich politisch interessierte Menschen,
den nur an passivem Medienkonsum orientierten "Normalbürger" kaum. Für die
anderen Medien ist Indymedia aber inzwischen eine regelmäßig benutzte
Informationsquelle gworden, da sie darüber Zugang zu Perspektiven haben, die
ihnen aus bereits beschriebenen Gründen sonst verschlossen bleiben.
Wo seht ihr euch gegenüber Mainstream-Medien wie der BILD o.Ä.?
Indymedia ist eben das, was die User draus machen. Zwar gibt es auf
Indymedia auch Artikel, die eher BILD-Charakter haben. Doch es geht nicht um
die Orientierung an einem bestimmten Niveau irgendwo zwischen BILD und ZEIT.
Durch die strukturelle Identität von Konsument und Produzent gibt es darüber
auch keine Kontrolle. Indymedia ist vor allem ein neues mediales Prinzip,
was einen neuen Nachrichtentyp hervorbringt. Und weil es ein offenes
Medium ist hat es eine eigene Dynamik, die Indymedia nicht auf auf eine
bestimmte Position festnageln lässt.
Gibt es besondere Pläne für die Zukunft? Habt ihr zum Beispiel schon mal an Kooperationen mit offenen TV-Kanälen gedacht oder andere Medien?
Indymedia ist ein Netzwerk, Kooperationen bzw. personelle Überschneidungen
mit anderen Medienprojekten gibt es deshalb einige. Pläne und Ideen für die
Zukunft gibt es viele. Was davon verwirklicht wird hängt schlicht und
einfach davon ab, dass es jemand macht. (Momentan wird z.B. versucht, lokale
Indymedias aufzubauen.)
Glaubt ihr, dass der Einfluss und die Verbreitung der "unabhängigen Medien" in Zukunft wachsen wird? Wenn ja, woran macht sich das bemerkbar?
Ich glaube, dass das Prinzip des offenen Mediums bei künftigen
gesellschaftlichen Veränderungen eine Rolle spielen wird. Und zwar nicht nur
im Nachrichtenbereich, sondern auch in anderen Anwendungsfeldern. (So
funktioniert z.B. die Internet-Enzyklopädie Wikipedia oder die Entwicklung
von OpenSource-Software nach einem ähnlichen Muster.)
Anworten von Floh
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AleX - 25 May 2005
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AlsteR - 25 May 2005 - Verschönerungsanfall
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BeN - 25 May 2005 - Spendenformulierung
Ein weiteres Interview kann unter http://getajob.ath.cx/pub/Radio-Z_Interview_mit_Indymedia-mensch.mp3 angehört werden.
Das nächste Interview ist im Februar 2006 entstanden, die Fragen stellte Susanne Högemann. Geantwortet hat mal wieder der Profilneurotiker Floh.
*1.Nutzung von indymedia.de: inwieweit habt ihr da Rückmeldungen von
Zeitungen, Journalisten...anderen Medien?*
*2. Aus welchem Bereich und welchen Altersgruppen kommen die Moderatoren
und Freiwilligen, die Indy.de am Laufen halten? (Studenten? Schüler?
Journalisten? Informatiker? usw...)*
*3. Aus welchem Bereich und welchen Altersgruppen kommen die Nutzer von
Indy.de - soweit ihr da Einblick habt - wer postet was? schreiben
Journalisten anderer Medien auch auf Indy? Anscheinend nutzen viele
Kids und Antifas die Seite um "Stimmung zu machen". "Wut
rauszulassen"...?*
*4. Habt ihr Rückmeldungen bezüglich der Nutzung von Indy.de durch
andere Medien(Tages- und Wochenzeitungen, TV, Radio...)? Was nutzen
diese Medien (Video und Tondokumente? Fotos?
Hintergrundinformationen?....)?*
Zur ersten und vierten Frage, die ja relativ ähnlich sind kann ich gar
nicht so viel sagen. Bis 2002 wurde auf den oben genannten Seiten eine Doku
über die Rezension von Indy in anderen Medien erstellt. Des Weiteren taucht,
wie du bereits selber geschrieben hast, Indy.de vor allem in linken Medien
auf. Doch die spielen im gesamtgesellschaftlichen Medienspektrum eher eine
Nebenrolle wie
JungleWorld?, Heise-Online usw. Nur TAZ und evtuell ND haben
noch etwas Anschluss an die "Mitte". Dort wird manchmal auf Indy verwiesen.
Ansonsten hatte mal eine Aktivistin aus Berlin erzählt, dass sie zufällig
einen Mitarbeiter der DPA getroffen habe, der ihr sagte, dass dort auch
regelmäßig auf Indy geguckt werde. Von Toralf Staud, ehemaliger
ZEIT-Redakteur, jetzt freier Journalist und Autor des Buches "Moderne
Nazis", weiß ich, dass er auch auf Indy recherchiert hat, es aber nicht so
bedeutend für sein Buch war. Vielleicht klingt das in dem Interview, was du
zitierst etwas euphorisch, doch die direkte Rezension Indys ist eher gering.
Als Grund würde ich den nur bedingten Nachrichtenwert Indymedias sehen.
Dieser gilt in Bezug auf Aktivitäten bestimmter Gruppen und
Erlebnisberichten von Demos, Kongressen oder anderen Events. Insbesondere
bei großen Ereignissen wie G8, Castor oder Großdemos wird auf Indy geschaut,
weil das die Menschen über die linken Szenen hinaus interessiert. Eine
Minidemo von 30 Antifas oder der Streit um eine Isreal-Fahne, die irgendwo
mal gewedelt wurde interessiert aber außer die Szene (und die Nazis) einfach
keinen. Es gibt zwar auch ein paar Journalisten, die ab und zu auf Indy
posten, Ralf Streck zum Beispiel postet regelmäßig zu Themen aus Spanien.
Aber insgesamt ist das eher marginal und durch den Anspruch Indys auf
Erstveröffentlichungen ist es für proffesionelle Journalisten auch wenig
attraktiv, da sie darauf angewiesen sind, ihre Berichte zu vermarkten und
für Indy daher nur aus reinem Idealismus schreiben können (oder Artikel
posten, die sie mal nicht losgeworden sind)
Was dazu Indy besonders prägt, insbesondere im deutschsprachigen Raum ist
die Funktion der Identitäspflege, weil eben diejenigen, die schreiben, meist
auch diejenigen sind, über die geschrieben wird. Die Offenheit, die Indy für
sich beansprucht führt also dazu, dass jede x-beliebige Gruppe (die manchmal
nur aus einer Person besteht) ihr Weltbild propagieren kann, und dies auf
Indy besonders gern tun, weil sie woanders keinen Zugang zu etwas mehr
medialer Öffentlichkeit haben. Viele Berichte haben daher einen
ausgesprochenen Agitationscharakter oder sind sehr ideologisch gefärbt. Da
schlägt die Eigenschaft Indys, dass es immer das Medium derer sei, die es
benutzen, in einen Nachteil um, wodurch der schon öfters diagnostizierte
Autismus der Linken beobachtbar wird. Ich würde Indy somit vor allem als ein
"szene-internes" Medium für linke bis linksradikale Milieus bezeichnen,
welches zwar von anderen Medien wahrgenommen, aber nicht aufgenommen wird,
einfach weil es miest keine für sie relevanten Infomationen enthält.
Damit komme ich schon ein bisschen zu den anderen Fragen, der Sozialstruktur
von Indymedia. Es gibt keine Möglichkeiten empirischer Erfassung der
Indynutzer (was auch so sein soll), doch unter Indymediaaktivisten kursiert
immer wieder die ironisch-lakonische Selbstbeschreibung, dass der übliche
Indymediaaktivist weiß, männlich, zwischen 20 und 30 Jahre alt und
technikbegeistert ist. Diese subjektive Wahrnehmung wird zumindest von
niemandem bestritten und die Genderstruktur ist auf Aktivistentreffen
(ausgehend von der üblichen bipolaren Geschlechtereinteilung) als eindeutig
männerdominiert zu bestätigen. Ich vermute, dass dies zumindest tendenziell
auf den "einfachen Indymedianutzer" übertrgen werden kann. (Auch wenn die
Einteilung in Aktivisten und Nutzer nicht so gern gesehen wird, weil
Indymedia diese Einteilung in Medienproduzenten und Medienkonsumenten ja
gerade aufheben will, so verhalten sich die Menschen aber trotzdem
größtenteils noch so.) Um es konkret zu machen: Ich schätze den Großteil auf
15-30 Jahre, männlich und aus eher bürgerlicheren Schichten.
Sozialpsychologisch würde ich folgende Einschätzung machen: Es sind oft
junge Leute, die sich in einer postpupertären Phase der Rebellion und
Identitätssuche befinden (bzw. da nicht rausfinden), Anschluss an eine
oppositionelle politische Idee oder Gruppe suchen und dafür auch eine
mediale Plattform brauchen. Und dafür bietet sich Indymedia an. (Dies gilt
übrigens auch für die Naziszene, die für viele Jugendliche genau diese
Funktion erfüllt, wobei dort der Bildungsdurchschnitt eindeutig tiefer ist.
Das Verhalten in Naziforen oder von Nazis, die versuchen, Indy zu
unterwandern ist dem vieler Antifas sehr ähnlich, ohne natürlich die Inhalte
gleichsetzen zu wollen.) Unter dem Label von Emanzipation und Linkssein
bemühen sie sich, überall ihr Feindbild zu entdecken (was ebenfalls eine
idenditätsstiftende Wirkung hat). Berichte sind deshalb oft keine überlegten
Aufzeichnungen von bestimmten Erlebnissen oder gar Recherchen, sondern nur
ein Vehikel um das eigene Weltbild, oft mit starker Aggression gegen alle
möglichen -ismen und Solidaritätsaufrufen für xy rauszuposaunen. Und da
Identitätsfindung wie gesagt dabei oft über die Abgrenzung zu einem
Feindbild läuft (ich bin dagegen, also bin ich) wird diese um so intensiver
betrieben. Abgegrenzt wird sich dabei, neben der kapitalistischen oder
faschistischen Gesellschaft, von jenen Linken die zu reformerisch oder zu
radikal sind oder es wird gleich auf die Moderation eingedroschen, die einen
wirklichen oder vermeindlichen Nazi-Kommentar nach einer halben Minute immer
noch nicht versteckt hat und deshalb nicht antifaschistisch genug ist. Und
wer versucht, innerlinke Differenzen und Befindlichkeiten zu überwinden,
sich auf Inhalte zu konzentrieren und eine gewisse Sachlichkeit an den Tag
zu legen wird trotzdem angegriffen oder angepöbelt.
Meine persönliche Einschätzung zu den Inhalten ist: 20 bis 30 % aller
Artikel (ca. die Hälfte kommen auf die Startseite) finde ich "lesbar",
entsprechen also meinem Anspruch eines Berichtes. 10 % davon interessieren
mich persönlich. Den Rest halte ich mehr oder weniger für Blödsinn wie Selbstdarstellung,
ideologisches Rumgepose, Sinnlosdebatte, Szenekrieg, haben eine furchtbaren
Stil oder sind Pillepalle-Berichte. Folgendes Schema ist prototypisch für
solche Sachen:
"Gestern auf S-Bahnhof X habe ich zwei Nazis gesehen und sie fotografiert.
So sahen sie von hinten aus, so von der Seite und so als sie mich bemerkt
haben. Dann wollten sie mich kriegen, ham'se aber nicht. Fight Fashism!"
Dazu kommen Crosspostings (solche Artikel erkennt man leider meist an dem
guten Stil), bloß neu formulierte und kommentierte Wiederholungen von
Informationen der konventionellen Medien sowie offene oder versteckte
Versuche irgendwelchen Nazischeiß unter die Leute zu bringen. Wobei die
Unterscheidung zwischen manchem linken und rechten Text machmal gar nicht so
einfach ist.
Die, die sich so verhalten, sind, so vermute ich sehr, nur eine Minderheit
aller derer, die Indymedia nutzen, aber sie dominieren Indymedia, weil alle
anderen sich nur dann zu Wort melden, wenn sie wirklich was Sinnvolles
beitragen. Deshalb fühle ich mich oft wie ein Kindergärtner auf einer
Spielwiese, auf der sich ein Haufen verschwörungstheoretisierende
Politspinner, sich zankende Möchtegern-Revoluzzer und spät-pupertierende
Antifa-Kiddis austoben. Meine positiven Einschätzungen zu Indymedia hast du
ja in dem anderen Interview bereits gelesen. Denn wenn du aus diesem Text
eine gewisse momentane Frustration raushörst, dann liegst du richtig. Hoffentlich
hören die anderen nichts davon, sonst gelte ich als Defätist
--
FloH - 11 May 2006
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