Platten kaputt machen? Online-Protest gegen die Musikindustrie

Eigentlich sollte es nur ein musikalisches Experiment werden als Brian Burton, alias "DJ Danger Mouse" aus White Plains, New York im Dezember letzten Jahres damit begann ein zeitgen\xF6ssisches Rap-Album, n\xE4mlich Jay-Z's "Black Album", mit dem 1968er "White Album" der Beatles zu remixen.

Daraus wurde zum einen ein interessantes musikalisches Werk und zum anderen ein gro\xDFer Medienskandal, denn: der Musikkonzern EMI Group, welcher f\xFCr Capital Records Incorporated die Rechte an s\xE4mtlicher Beatles Musik vertritt, sorgte mit einer Unterlassungsklagewelle gegen Danger Mouse selbst, Plattenl\xE4den und Online-Shops wie FatBeats, hiphopsite.com oder Ebay f\xFCr einen handfesten Kulturskandal und fordert nun die Vernichtung aller Kopien des Remixes, sowie einen Stop jeglichen Vertriebs oder Verkaufs.

F\xFCr Dienstag, den 24. Februar wurde daher ein Online-Protest angek\xFCndigt, an dem sich so viele Webseiten und Radios wie m\xF6glich beteiligen sollen.

Der 'Rolling Stone' schrieb, das Remix-Album w\xE4re "ein geniales Hip-Hop-Album, das auf eine seltsame Art und Weise seiner Zeit voraus ist"; der 'Boston Globe' k\xFCrte es sogar zum "kreativ fesselndsten" Album des Jahres. Was der 'Rolling Stone' oder der 'Boston Globe' sagen kann uns aber eigentlich egal sein, und inwieweit sich diese Publikationen schon mit Hiphop auskennen soll ohnehin in Frage gestellt werden. Aber dennoch hat das Remix-Album, das seinen Namen "Grey Album" von den beiden Originalen herleitet, eingeschlagen - und nicht in geringem Ma\xDFe gerade deshalb, weil die Musikindustrie seine Zerst\xF6rung fordert.

Insgesamt wurden von "Danger Mouse" Brian Burton nur etwa 3000 Exemplare gepresst und an Insider-Plattenl\xE4den verschickt, wie das f\xFCr Underground-DJs \xFCblich ist; zun\xE4chst ohne Aussichten auf gro\xDFe Einnahmen. Aber die Nachfrage war gross, und nachdem die Musik auch in Clubs gespielt wurde und wegen des Medienwirbels um ein verbotenes Remix-Album in aller Munde war, wuchs diese immer mehr an, und das Album wurde \xFCberall im Netz getauscht.

Musikalisch sind die Remixes durchaus interessant und zwei, drei der Lieder klingen sogar richtig gut. Ein Meisterwerk ist es jedoch keinesfalls. Welchen Originalit\xE4tswert hat es schon, die Beatles zu samplen? Und dann ausgerechnet f\xFCr einen mittelm\xE4\xDFigen MC wie Jay-Z? Aber dieser Skandal f\xFChrt die Allmacht und die zweifelhafte moralische Rechtfertigung der Plattenindustrie und ihres profitorientierten Kopierrechts-Fanatismus beispielhaft vor Auge. Und sie setzt eine seit langem notwendige Auseinandersetzung mit der Jahrzehnte andauernden G\xE4ngelung musikalischen Schaffens durch die Firmenwelt in Gang, die bisher als selbstverst\xE4ndlich galt, aber dringend in Frage gestellt werden muss:

1. Welche rationale Grundlage haben Konzerne, Schallwellen in der Luft kopierrechtlich zu sch\xFCtzen?

Das ist es n\xE4mlich was Musik letztendlich ist, auch wenn sie zwischenzeitlich auf Datentr\xE4gern digital oder analog abstrahiert wird. Auch Notensequenzen (also Melodien) lassen sich auf eine ganz banale Grundformel reduzieren, deren kopierrechtliche Sch\xFCtzung jegliches musikalisches Schaffen mithilfe staatlicher Gewalt theoretisch unterbinden lie\xDFe. Dies geschieht nat\xFCrlich nicht, solange Konzerne eine gewisse \xF6konomische Notwendigkeit f\xFCr kopierrechtliche Definitionsspielr\xE4ume haben, sie versuchen jedoch alles einzuschr\xE4nken, was weiter geht als ihre eigene Auffassung von k\xFCnstlerischer Freiheit, und ihre Garantie auf Profit zu mindern droht.

W\xFCrde man Kopierrecht ins Extrem bringen, so h\xE4tte man auch die Bitfolgen "10", "11", "01" und "00" kopierrechtlich sch\xFCtzen lassen k\xF6nnen, um damit Rechte auf s\xE4mtliche digitalen Daten der Welt zu erheben. Kein Staat h\xE4tte dies zugelassen, niemand w\xFCrde dies als sinnvoll erachten, doch geltendes Kopierrecht ist nichts weiter als eine gemilderte Form dieses fragw\xFCrdigen Anspruchs auf "intellektuelles Eigentum" und wird nur so lange durchgesetzt, wie es derzeitige Hauptprofiteure f\xFCr sich auslegen und durchsetzen k\xF6nnen. Oder solange der gesellschaftliche Konsens diese Form der restriktiven Verwertung von Kunst und Musik (oder intellektueller Sch\xF6pfung allgemein) zul\xE4sst.

Die Nicht-Existenz, oder die Nicht-Durchsetzbarkeit, eines Kopierrechtsgesetzes w\xFCrde die sogenannten "Rechteverwerter", also die Nutznieser einer per Gesetz geschaffenen Warenknappheit (das Unterbinden der freien Kopie intellektueller oder k\xFCnstlerischer Inhalte) ihrer Existenzgrundlage entziehen, da sie f\xFCr den blo\xDFen Vertrieb dieser Inhalte aufgrund des technologischen Fortschritts nicht mehr notwendig sind. Die Funktion der Plattenfirma als Musikvertreiber ist schon l\xE4ngst einer Funktion als Rechte-Geb\xFChreneintreiber gewichen, h\xE4ufig gegen den Willen der K\xFCnstler selbst.

2. Welche moralische Grundlage haben Musiker \xFCberhaupt, durch die Verfielf\xE4ltigung ihrer Musik finanzielle Einnahmen garantiert zu bekommen?

Kopien, vor allem in digitaler Form, werden heute fast zum Nulltarif und durch einen Eigenaufwand der Musikfans hergestellt und vertrieben. Dies verhilft dem k\xFCnstlerischen Werk des Musikers zu einer gr\xF6\xDFeren \xD6ffentlichkeit, und somit zu einem h\xF6heren Bekanntheitsgrad, was auch die Aussichten auf bezahlte Engagements erh\xF6ht. Und das, ohne dass der Musiker selbst sich gro\xDFe Gedanken um die Verbreitung seiner Musik machen muss.

Wir haben auf diese Art und Weise sogar ein Distributionssystem zugrunde liegen, das hinsichtlich k\xFCnstlerischer Inhalte kaum besser sein k\xF6nnte: da die Fans selbst zum Warenvertreiber werden, wird nur noch die Kunst vertrieben, welche sie auch als k\xFCnstlerisch wertvoll einstufen; schlechte Kunst wird weniger h\xE4ufig weiterverbreitet. Dies w\xE4re ein nat\xFCrliches Vertriebssystem, das die H\xE4ufigkeit von Inhalten gemessen am Urteil der Menschen selbst reguliert, und nicht durch die profitgetriebene Motivation der Gro\xDFkonzerne und ihr zentrales Distributionsverst\xE4ndnis verzerrt wird.

Musik "ver\xF6ffentlichen" heisst, sie der \xD6ffentlichkeit zug\xE4nglich machen. Also z.B. auf einer Webseite oder in einem Filesharing-System. Den Rest erledigt die Nachfrage.

3. Haben die Plattenkonzerne durch die Ausnutzung ihres per Gesetz gesch\xFCtzten quasi-Monopols beim Vertrieb musikalischer Inhalte und den kartellartigen Preiswuchern beim Tontr\xE4gerverkauf nicht sogar zu Unrecht \xFCber Jahrzehnte hinweg viel zu hohe Einnahmen verbucht, die sie in einem wirklich freien Tontr\xE4ger-Markt so nie h\xE4tten erwirtschaften k\xF6nnen? Weshalb sollte die Musikindustrie einen permanent geltenden Anspruch auf regelm\xE4ssige Einnahmen haben?

4. Wer fragt die K\xFCnstler -vor allem nach ihrem Tod- ob sie die k\xFCnstlerische Weiterverwertung ihrer Musik nicht bef\xFCrworten w\xFCrden?

Es ist \xE4u\xDFerst fragw\xFCrdig, ob sich ein Frank Zappa, Bob Marley oder John Lennon wirklich dar\xFCber emp\xF6ren w\xFCrde, wenn junge K\xFCnstler der Nachwelt ihre Werke aufgreifen und neu interpretieren.

Und selbst wenn: ihre Piano-Melodien und Gitarrenriffs sind auch nur bizarre Klangfragmente, die irgendwo ihren inspirativen Ursprung hatten und zu einem zuf\xE4lligen Zeitpunkt in der einen oder anderen Form eingefangen und auf einem verg\xE4nglichen Datentr\xE4ger gespeichert wurden. Sie sind genau wie das Rauschen eines Baches in den \xF6ffentlichen Besitz zu stellen, da letztendlich alles einen gemeinsamen physikalischen und kreativen Ursprung hat. Kopierrechtlicher Schutz ist lediglich eine vor\xFCbergehende kapitale Ausbeutung k\xFCnstlerischer Schaffenskraft durch die Mitverdiener der Gegenwart.

5. Sollten Musiker -und K\xFCnstler allgemein- nicht froh dar\xFCber sein, wenn Menschen ihre Kunst genie\xDFen?

Welche charakterliche Qualit\xE4t hat es, Radiomacher oder Online-Fans daf\xFCr zu verklagen, wenn sie die Musik des K\xFCnstlers tauschen oder spielen? Macht man als Musiker nicht Musik, damit andere sie h\xF6ren k\xF6nnen? Will man den Menschen mit seiner Musik nicht Freude bereiten?

\xDCblicherweise verbeugen sich K\xFCnstler nach einem Live-Auftritt vor dem Publikum, um sich daf\xFCr zu bedanken, dass es die Kunst entgegengenommen hat. Es w\xE4re angebracht, wenn Musiker sich daf\xFCr bedanken w\xFCrden, dass man sich ihre Musik anh\xF6rt, anstatt dass sie einen verklagen oder es einem verbieten ihre Musik zu h\xF6ren. Die Belohnung, die man einem K\xFCnstler z.B. in Form von Geld als Dankesch\xF6n gibt, ist eine Gegenleistung um die sich der K\xFCnstler bem\xFChen muss. Aber er hat -wie der Stra\xDFenmusikant- keinen grundlegenden Anspruch darauf.

Viele freie Musiker im Netz richten sich mittlerweile Paypal-Accounts ein und bitten um Spenden. Ob das funktioniert ist ungewiss, aber f\xFCr Live-Auftritte wird immer noch gerne gezahlt, weil der Musiker fast f\xFCr jemanden pers\xF6nlich spielt und einen sichtbaren, greifbaren Arbeitsaufwand hat.

Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn Musiker ihre Platten selbst gegen Geld anbieten oder sich in Labels oder Musikerkollektiven zusammenschliessen um das Pressen und den Verkauf ihrer Platten zu erm\xF6glichen. Dies ist vor allem sinnvoll f\xFCr Musiker, deren Musik so Underground ist, dass sie selbst auf Tauschb\xF6rsen kaum zu finden ist; und nat\xFCrlich f\xFCr Live-DJs die noch mit Vinyl arbeiten. Auf diese Art l\xE4sst sich als K\xFCnstler immer noch Geld verdienen.

Das einfache, digitale Kopieren oder analoge \xDCberspielen und Weitergeben von Musik ist aber meistens kein Mehraufwand des K\xFCnstlers selbst, im Gegenteil, es ist ein Mehraufwand des Fans, der sich auch noch die M\xFChe macht Bandbreite und Rechnerleistung zu finanzieren, die es anderen erst erm\xF6glicht mit der Musik des K\xFCnstlers in Ber\xFChrung zu kommen.

Freischaffende Musiker und Independent Labels haben dies schon l\xE4ngst erkannt und nutzen die neuen M\xF6glichkeiten des Internet um ihren Bekanntheitsgrad zu f\xF6rdern und tolerieren die Funktion der Tauschb\xF6rsen in der Regel, weil sie anhand der gestiegenen Verkaufszahlen der letzten Jahre wissen, was es ihnen bringt.

Wenn gro\xDFe Plattenfirmen auch den letzten Jugendlichen verklagen der ihre Musik anbietet, dann wird das nur zur Folge haben, dass die Menschen statt der Konzernmusik nur noch alternative Musik tauschen. Und die stellt den Gro\xDFteil des weltweiten Musikangebots und ist in der Regel auch qualitativ anspruchsvoller als Britney Spears und Co.

6. Braucht man f\xFCr die Kunst \xFCberhaupt Regeln?

Muss es denn unbedingt sein, dass man jedes Sample, jede Cover-Version, jede \xF6ffentliche Auff\xFChrung, jede Kopie, jede Weitergabe, jedes Anh\xF6ren und Abspielen mit irgendwelchen Geb\xFChren und Auflagen belegt? Dass man Lizenzen vorschreibt, Unterlassungsklagen ausstellt, dass sich um den heissen Brei des Kopierrechts herum eine parasit\xE4re Zweitindustrie entwickelt, die sich fast ausschlie\xDFlich an den rechtlichen Streitigkeiten um die Gesetzeslage n\xE4hrt?

Und all das, nur damit reiche Konzernchefs und eingebildete Popstars eine finanzielle Garantie f\xFCr ihren Lebensstil erhalten. Weshalb k\xF6nnen "professionelle" Musiker ihr Brot nicht wie alle anderen verdienen und ihre Musik als Hobby betreiben und sich freuen, wenn nebenbei etwas dabei herausspringt?

Wie lange wird es noch dauern, bis die Allgemeinheit beginnt zu verstehen, dass es bei der Durchsetzung des Kopierrechts durch "Rechteverwerter" nicht um den existenziellen Schutz von armen K\xFCnstlern geht, sondern im Gegenteil gerade um diejenigen "K\xFCnstler" die es nicht n\xF6tig h\xE4tten von einer Gesetzeslage subventioniert zu werden.

Die vielgehasste Musikindustrie, diesmal vertreten durch EMI, wird sich ein weiteres Mal nicht beliebt dadurch machen, wenn sie behaupten mit der gnadenlosen Durchsetzung des Kopierrechts Kunst und Kreativit\xE4t f\xF6rdern und sch\xFCtzen zu wollen und dabei gleichzeitig die Vernichtung von Datentr\xE4gern zu erzwingen, auf denen sich so etwas unglaublich Banales befindet wie das Remix-Geschnippel einer 36 Jahre alten Rockplatte vermischt mit einigen modernen Rap-Acapellas.

Die Online-Initiative "Grey Tuesday" (http://greytuesday.org/) organisiert f\xFCr den 24. Februar (Dienstag) einen weltweiten Protest gegen das Verbot des Remix-Albums und ruft Webseiten und Radiostationen dazu auf, das Album f\xFCr den Download bereit zu stellen, bzw. zu senden.

Das Album kann man sich u.a. unter http://www.illegal-art.org/audio/grey.html herunterladen, sowie von s\xE4mtlichen gutsortierten Online-Tauschb\xF6rsen.

Pressemitteilung zur Aktion von downhillbattle.org: http://www.downhillbattle.org/pressreleases/greytuesday_21904.html

Ein Wired-Artikel zum Thema: http://www.wired.com/news/digiwood/0,1412,62276,00.html?tw=wn_tophead_1

Reuters: http://www.reuters.com/locales/newsArticle.jsp;:40340191:17e9d59f8283bdea?type=entertainmentNews&locale=en_IN&storyID=4386866

"Cease and desist letter" an den waxy.org weblog: http://www.waxy.org/archive/2004/02/11/danger_m.shtml

Rechtliches zum "Digital Millenium Copyright Act" in den USA: http://www.eff.org/IP/DMCA/

"Changing Copyright", Hintergrund-Text von Negativland: http://negativland.com/changing_copyright.html

Alles zum Thema Music Activism: http://www.downhillbattle.org/

DJ Danger Mouse: http://www.djdangermouse.com/

Webseite der EMI Group: http://www.emigroup.com/

Online-Projekt f\xFCr die Entwicklung und Bereitstellung freier K\xFCnstler-Lizenzen: http://creativecommons.org/

Bietet auch eine "Lizenzmaschine" je nach Lizenzgeschmack und Art der Arbeit: http://creativecommons.org/license/

Zuf\xE4llig gew\xE4hlte Free Music Links:

http://www.psychofreud.com/ - Bietet seine gesamte Musik als Livestream an, fetzige Sachen! http://www.evolutionradio.org/ - 24h nonstop Radiostream mit Musik von Usern http://www.detritus.net/illegalart/mp3s/index.html - Experimentelle Soundcollagen und so.. http://www.themechanicsofdestruction.org/ - Politisch-kritische Experimentalmukke, kostenloses Album http://www.osmonline.com/ - Indie-Label, bieten ihre Musik als interaktiven Livestream http://negativland.com/ - \xFCber 20 Jahre alte Band, deren "U2"-Single verboten wurde (gibt es als Download) http://slsk.org/ - Soulseek! Underground Filesharing-Netzwerk, in dem auch viele User ihre eigene Musik mit anderen teilen http://www.magnatune.com/ - Ein revolution\xE4res Online-Label mit bereits \xFCber 100 K\xFCnstlern verschiedener Genres, das seine Musik f\xFCr private Nutzung und nicht-kommerzielle Verfielf\xE4ltigung ausdr\xFCcklich zur Verf\xFCgung stellt und seine Musiker bei allen kommerziellen Einnahmen mit 50% beteiligt. Die Webseite bietet alle Alben zum Download und als Nonstop Livestream. Es geht auch anders! http://www.google.com/search?q=free+music - Selber suchen

Wenn Ihr weitere interessante Free Music Links (z.b. von Eurer eigenen Musik habt), dann postet diese doch einfach als Erg\xE4nzung!

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Topic revision: r2 - 10 Mar 2005, SkeP
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